Ich werde nie vergessen, wie es eines Abends, kurz nachdem ich Feierabend gemacht hatte, an der Tür klingelte und eine mir unbekannte Frau mit ihrer Teenager-Tochter vor der Tür stand. Sie fragte mich, ob sie hier richtig wären. Sie hatten etwas von Übersetzungen gelesen. Ich bestätigte und die beiden sahen mich nochmal genauer an.

Da stand ich, in meiner Jogginghose und meinem Nerd-Shirt. Ich fragte, um was es ginge.

Die Tochter wollte gern selbst Übersetzerin werden, antwortete die Dame, und deshalb nach einem Praktikum fragen. Noch bevor ich wirklich antworten konnte, nahm die Dame den Eingangsbereich des Hauses genauer unter die Lupe und ebenso die Nachbarschaft. Dann schob sie mit einer Mischung aus Verwirrung und Entsetzen hinterher: “Ich wusste nicht, dass das hier so privat ist.

In diesem Moment sahen wir beide vermutlich gleichermaßen bedröppelt drein. Ein Praktikum konnte ich aufgrund meiner “privaten” Situation zwar nicht anbieten. Jedoch bot ich an, für Fragen zum Beruf zur Verfügung zu stehen. Sie verabschiedeten sich, verblieben mit “Wir melden uns”. Leider hörte ich von dem schockierten Duo nie wieder.

Es musste eine verstörende Begegnung gewesen sein.

Was geschieht denn da so “privat”?

Die Tage nach dieser Begegnung musste ich immer wieder darüber nachdenken. Privat. War das meiner Jogginghose geschuldet? Zu 99 % meiner Arbeitszeit sieht mich niemand. Ich sitze hinter dem PC, wie ich es auch jetzt tue. Was ich trage, darüber mache ich mir nur Gedanken, wenn ich außer Haus gehe oder laut Terminplan Kundenkontakt habe. Normalerweise steht auch niemand unangekündigt vor meiner Haustür …

Privat. Die Sache ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Manchmal, z.B. jetzt, denke ich auch heutzutage noch darüber nach. Wie stellen sich Menschen den Beruf des Übersetzers vor? Großes Büro? Mehrere Mitarbeiter? Eher einer Agentur gleich, in der mehrere Angestellte Wörterbücher wälzen, während andere am Korrigieren sind oder neue Aufträge klarmachen? Ich würde mich freuen, wenn ihr mir einen Kommentar dazu da lasst, wie ihr euch den Beruf des Übersetzers vorstellt oder welche Erfahrungen ihr dahingehend gemacht habt, während ich euch heute mal mit in meinen Berufsalltag nehme.

Willkommen in meinem Berufsalltag

Wie ihr wahrscheinlich bereits wisst oder meiner Website entnehmen könnt, arbeite ich selbständig und das als Übersetzer für das Sprachenpaar Englisch / Deutsch sowie als Redakteur und Texter. Vom Dolmetschen habe ich mich trotz meiner entsprechenden Ausbildung weitestgehend verabschiedet. Das “Warum?” ist aber Material für einen anderen Blogbeitrag 😉

Der Anschaulichkeit halber stellt der nachfolgende Tagesablauf nur ein Beispiel dar. Ich habe versucht, eine gute Schnittmenge aus meinen üblichen Aufgaben zusammenzustellen. Gerade die Zeiten und der Umfang der Aufgaben können von einem Tag auf den anderen teils deutlich voneinander abweichen, wenngleich der grobe Zeitrahmen meinem Arbeitsalltag entspricht, inklusive Arbeitsbeginn und Feierabend. Das hängt natürlich immer von der Auftragslage, den Aufträgen selbst und den Deadlines ab. Also fangen wir an. Bereit, aufzustehen?

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07.30 Uhr – Drrrrrring! Der Wecker klingelt. So spät? Jep. Am Tag zuvor bin ich wahrscheinlich erst um 23.30 Uhr ins Bett gegangen, weil die Newslage das erforderte oder ich ein Event covern durfte, das eine ganze Menge Trailer, Sneak Peeks & Co. bereithielt.

08.00 Uhr – Frühstück – check, Bad – check, PC an. Ich checke meine E-Mails und schaue, welche Neuigkeiten angefallen sind. News zu Gebieten, in denen ich mehrere Kunden bediene, z.B. Film & TV und Tourismus, lege ich mir gleich mal parat und mache mir Gedanken dazu, wo ich diese unterbringe und wie ich diese Themen aufbereiten könnte.

Gibt es nicht viel auszukundschaften, verfasse ich gleich mal einen Newspost für einen der Reiseblogs, die ich beliefere, oder hake eine andere kleinere Aufgabe ab, die für heute auf der To-do-Liste steht.

08.30 Uhr – Ich bin auf dem Laufenden und setze mich an meine ersten Newsbeiträge für Moviejones.de. Da Serien in den vergangenen Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen haben, handelt es sich heute vielleicht ausschließlich um Beiträge im Serienbereich.

Fallen weniger oder kürzere Meldungen an, habe ich noch etwas Zeit, um einige Datenbankeinträge oder den Kinostartkalender zu aktualisieren. Mir ist außerdem aufgefallen, dass ein Serienausblick aktualisiert werden muss, weshalb ich das ebenfalls erledige, ehe ich mich vorerst aus der Runde verabschiede.

11.00 Uhr – Puh, der Vormittag ist fast um. Vor dem Mittagessen habe ich allerdings noch ausreichend Zeit, um 1-2 Reisenews zu verfassen. Selbst in Corona-Zeiten gibt es an der Reisefront einiges zu berichten, obwohl es uns die Pandemie und die vielen Reisebeschränkungen nicht leicht machen. Immer schön positiv denken!

11.45 Uhr – Ich werfe nochmals einen Blick auf meine E-Mails und sehe, dass mir eine Agentur geschrieben hat, mit der ich seit langem regelmäßig und gerne zusammenarbeite. Da es sich um einen nur rund 20-minütigen Auftrag handelt, kann ich diesen trotz der knappen Deadline am heutigen Abend akzeptieren. Andernfalls hätte ich die Projektmanagerin um eine spätere Deadline gebeten oder, sofern nicht möglich, dankend abgelehnt und den Job einem Kollegen überlassen.

12.00 Uhr – FUTTER! Lässt es die Situation sprich Auftragslage zu, versuche ich, 1 Stunde Mittagspause einzuhalten. Dadurch gewinne ich den nötigen Abstand zu den Texten und den abgehakten Aufgaben und kann mich mit frischen Ideen nach dem Mittagessen wieder an die Arbeit machen. Manchmal werden es dann aber doch nur 15 Minuten.

13.00 Uhr – Back to Action! Es geht wieder an die Arbeit. Für ein großes Filmportal stehen diese Woche noch zwei Beiträge aus. Ich kümmere mich um beide. Da die Deadline erst in zwei Tagen ist, verlege ich das Korrekturlesen des Abstandes wegen aber auf den nächsten Tag.

14.15 Uhr – Vor wenigen Tagen ist ein mehrwöchiger SEO-Auftrag ins Haus geflattert. Derzeit arbeite ich pro Tag an einem dieser Texte. Obwohl es relativ kurze Texte sind, dauert das Schreiben knapp zwei Stunden, denn der Text muss gut recherchiert sein, um dem Leser einen Mehrwert zu bieten. Darüber hinaus gilt es, das ausführliche Briefing des Kunden und allgemeine SEO-Richtlinien zu beachten.

16.00 Uhr – Das war ein Batzen Arbeit! Aber der Tag ist natürlich noch nicht vorbei. Ich rufe den 20-minütigen Auftrag auf, den ich zur Mittagszeit gesendet bekam. Aufgrund der Zeitverschiebung liege ich noch gut in der Zeit. Bei diesem Auftrag erstelle ich keine Texte.

Als Senior Editor bin ich für die Qualitätskontrolle verantwortlich. Meine Aufgabe besteht darin, eine Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche zu überprüfen und – sofern nötig – zu verbessern. Der Kunde erwartet schließlich eine fehlerfreie Übersetzung. Ich erledige den Auftrag, reiche die finale Übersetzung beim Kunden ein und sage der Projektmanagerin Bescheid.

16.30 Uhr – Die Aufgaben des heutigen Tages sind fast abgearbeitet. Ich schau mir die Ausschreibungen des Tages an, um zu sehen, ob potenzielle Aufträge für mich dabei sind. Heute leider nicht. Andernfalls hätte ich noch 1 bis 2 Bewerbungen geschrieben und abgeschickt.

Dafür kam gerade eine E-Mail rein. Eine Privatperson möchte eine beglaubigte Übersetzung einer Heiratsurkunde anfertigen lassen. Dieses Mal habe ich Glück. Die Urkunde hängt der E-Mail gleich an und ich kann mir anschauen, wie umfangreich der Auftrag ist. Deshalb teile ich dem Fragesteller sogleich den Preis und die Lieferzeit sowie meine Konditionen inkl. Übersetzungsbeginn nach Vorkasse mit.

17.00 Uhr – Ich beschließe, dass es vorerst genug ist. Ich schließe alle Fenster, in denen ich arbeite, und mache auch das E-Mail-Fach zu. Jetzt geht es erstmal an die körperliche Arbeit: Workout! Da Vereinsleben nicht so ganz mit meinem Job und meinem Lebensstil vereinbar ist und ich zu einem großen Fan von Workouts wie “P90X” und “Insanity” wurde, lege ich eine Scheibe ein und power mich rund eine Stunde lang so richtig aus.

ca. 19.00 Uhr – Nachdem ich mich wieder ansehlich und für die Nase erträglich gemacht habe, geht es wieder an die Futterbeschaffung. Abendessen steht auf dem Programm.

ca. 20 Uhr – Zeit für den “Nebenjob”. Jetzt kümmere ich mich um die Beiträge für Beyond the Show oder beginne mit der Recherche für einen Ratgeberartikel auf eSportsGear. Fällt hier gerade nichts an, widme ich mich meinem Projekt “Der Verlorene Sektor” oder schalte tatsächlich mal ab! Das heißt, wenn ich am Abend nicht nochmal ran muss, weil aus den USA gerade ein bombastischer Trailer rüberschwappt oder eine andere große Meldung für Furore sorgt.

ca. 23 Uhr – GUTE NACHT! 😉