Es war kurz vor Weihnachten. Ich war im Supermarkt unterwegs. Erledigte noch ein paar Einkäufe. Die Waren fanden ihren Weg auf das Band, wanderten über den Scanner und ich packte alles wieder in den Einkaufswagen, um es anschließend in die Tasche zu packen. Ich wartete auf die Ansage der Verkäuferin, wie viel meine Einkäufe kosten würden. Doch diese Ansage blieb zunächst aus. Stattdessen sah sie mich kritisch an und sagte: “Ich müsste dann noch den Ausweis sehen.”

Diesen Satz höre ich wieder und wieder und wieder. Maske hin oder her (das verhinderte wenigsten, dass sie meine entglittenen Gesichtszüge sah), entkam mir nur ein völlig überraschtes “Echt jetzt?!”

Ich überlegte kurz und mein Blick fiel auf die beschwippsten Pralinen, die sie nur Sekunden zuvor über das Band gezogen hatte. Sie schaute mich mit nach oben gezogener Augenbraue an und nickte. Jep. Ich musste nun also mit 32 Jahren tatsächlich an der Supermarktkasse meinen Personalausweis vorlegen, weil ich alkoholhaltige Schokolade kaufen wollte.

Was zunächst nach einer witzigen Anekdote klingt, die sich vor wenigen Wochen wirklich genau so abspielte, ist eigentlich gar nicht witzig. Denn, wenn die Schuld dieses Mal schnell bei der Mund-Nasen-Bedeckung gefunden wurde, hat es mit dieser normalerweise nichts zu tun.

Mit über 20 wurde ich noch gefragt, ob meine Eltern ein Einverständnis zu einem Vertragsabschluss geben könnten. Bei jeder FSK-16- oder FSK-18-Blu-ray warte ich selbst heute noch gespannt, ob die Frage nach dem Ausweis gestellt wird. Kaufe ich ein Videospiel mit entsprechend hoher Freigabe, liegt mein Finger meist schon über dem entsprechenden Fach im Geldbeutel, um den Ausweis prompt zücken zu können. Da versucht eben mal wieder ein Teenager ein Spiel zu kaufen, für das besagter “Teenie” eigentlich noch zu jung ist.

Oft nervt es . Manchmal versuche ich, über die Sache zu lachen. In der Freizeit kann ich das. Auch beruflich konnte ich das mal. Ich arbeitete im Kino. Mit Altersfreigaben kenne ich mich aus. Auch ich kontrollierte Ausweise, wenn ich nicht sicher sein konnte, wie alt die Person ist, die den Kinosaal betreten möchte. Auch ich lag ab und an daneben. Alles andere als selten wurde ich im Gegenzug gefragt, ob ich überhaupt schon alt genug wäre, um im Kino arbeiten zu dürfen. Ja, das war ich. Und, ja, meist nahm ich diese Gegenfrage mit Humor. Ich bin nämlich ein ganz lustiger Mensch.

Manchmal ist aber Schluss mit lustig. Manchmal ist die Frage nach dem Alter, ob ausgesprochen oder mit hochgezogener Augenbraue und abschätzenden Blicken gestellt, gar nicht lustig. Gerade im beruflichen Umfeld. Gerade in der Selbständigkeit.

Nicole Sälzle - Übersetzerin in Illertissen - Redakteurin - Freelancer

Wenn “Teenies” selbständig tätig sind

Lange hatte ich gezögert, ein Bild von mir auf die berufliche Website zu packen. Lange hatte ich gezögert, dieses auf der Hauptseite anzubringen. Aus Angst, es passiert dasselbe, das allzu häufig passiert. Auch jetzt noch, da ich 33 Jahre alt bin. Zu häufig werde ich weiterhin nach meinem Ausweis gefragt. Zu oft sagt man mir noch immer: “Mit 40 bist du mal froh, wenn man dich jünger schätzt.” Ja, kann gut sein, dass ich mich dann freue und dies als Kompliment auffasse. In der Freizeit.

Aber mein Gesicht kann ich nicht einfach ablegen, wie es der Anlass gerade erfordert oder es beruflich gelegen wäre. Experimentiert habe ich da schon. Kleider machen Leute. So heißt es immer. Steckt man mich in “Business-Kleidung”, sehe ich aus, als käme ich frisch von der Uni angedackelt und wolle mich auf meinen ersten Job bewerben. Selbst geschminkt hatte ich mich vor vielen Jahren mal aus beruflichen Gründen – und glaubt mir, ich hasse es, mir etwas ins Gesicht zu schmieren. Älter sah ich dennoch nicht aus. Lustiger vielleicht. Ein “Teenie”, der erwachsen wirken möchte. Ich hab es gelassen und bin mir treu geblieben, trage legere Kleidung. Schlicht, simpel, praktisch, wie ich es eben mag. Trete ungeschminkt und dafür natürlich auf, als ich selbst. Ich habe meinen Stil gefunden, ich habe meine Nische gefunden. Ich bin dort angekommen, wo ich sein wollte und sein sollte.

Die “Anonymität” des Internets hat mir die Karriere gerettet. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass bei Bewerbungen im Internet tatsächlich mehr Wert auf die Erfahrung gelegt wird, weniger darauf, ob die Person aussieht, als müssten Mami und Papi noch ihr Einverständnis zum Vertragsabschluss geben. Das Internet hat – wie vieles im Leben – zwei Seiten. Ich bin für die eine auf jeden Fall sehr dankbar. Ohne, so bin ich mir sicher, hätte ich so manchen Job nicht erhalten, meine Selbständigkeit nicht vorantreiben und durchhalten können.

Wie mein Bild nun den Weg auf die Startseite fand

Nicole Sälzle - Übersetzerin in Illertissen - Redakteurin - FreelancerImmer wieder stell(t)e ich fest, dass für viele Auftraggeber (oder nach dem Abschluss noch mögliche Arbeitgeber) mein Lebenslauf nicht mit meinem Gesicht zusammenpasst(e). Das ist kein Vorwurf, lediglich eine Tatsache. Zweifelnde Blicke, wenn ich erklärte, dass ich meinen Master in der Tasche habe. Überraschtes Blinzeln, wenn ich über vergangene Aufträge sprach. Menschen, denen ich die Tür öffnete und die verwundert waren, dass jemand “in meinem Alter” tatsächlich Urkunden übersetzt und die Übersetzung beglaubigen kann und darf.

Ich hatte in den letzten Monaten viel Zeit, um meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Dabei ist mir einiges klar geworden. Auch, dass es Dinge gibt, mit denen man sich einfach abfinden muss. Ich muss mich mit meinem jungen Gesicht abfinden (so doof das klingt, wenn ich das selbst von mir sage). Ich muss mich auch damit abfinden, dass ich für viele Unternehmer vielleicht nicht in die Schublade passe, aus der sie Freelancer hervorkramen, die perfekt zu ihrer Vorstellung eines Vorzeigeübersetzers oder -redakteurs gehören. Ich war ohnehin noch nie ein Schubladenmensch. Die sind eng, dunkel und stickig …

Dafür passe ich aber zu den Vorstellungen anderer Auftraggeber, zu denen, die mich so nehmen, wie ich bin. Mit meiner jahrelangen Erfahrung UND meinem vermeintlich jungen Gesicht – zu dem Jeans und Nerd-Shirts übrigens deutlich besser passen als ein eng geschnittener Blazer, glaubt mir 😉

Das mag keine weltbewegende Erkenntnis sein. Das mag mir auch schon seit langem klar sein. In den vergangenen Monaten wurde ich mir dieser Sache aber erstmals eingehend bewusst. Der Gedanke arbeitete in mir und in den vergangenen Wochen war ich dann soweit. Ich muss mich nicht mehr verstecken, mich für mein vermeintlich junges Gesicht schämen. Auf was es ankommt, ist meine Erfahrung. Und wenn die für einen Besucher meiner Startseite nicht mit meinem Gesicht zusammenpasst, dann ist das eben so.