Vor einiger Zeit schrieb ich einen Artikel über Dinge, die ich gerne in der Schule gelernt hätte. Die meisten werden sich einig sein, dass man in der Schule sehr viel unnützes Wissen anhäuft. Was später im Leben wichtig wäre, lernt man leider nicht. Von der Bewerbung bis zur Steuererklärung wird hier einiges versäumt, das im Alltag deutlich mehr von Bedeutung wäre als das Balzverhalten des dreistachligen Stichlings. Ich werde diese einstündige (!) Abfrage im Biologie-Unterricht wirklich nie vergessen!

Aber wie sieht es eigentlich mit dem Studium aus? Im Studium spezialisiert man sich für gewöhnlich auf das, was man später tun möchte. Da sollte es doch eigentlich gegeben sein, dass man auch auf das vorbereitet wird, was einen im knallharten Berufsalltag erwarten wird. Oder nicht?

Ich muss sagen, ich fühlte mich in weiten Teilen gut vorbereitet. Nach meiner Ausbildung zur staatlich geprüften Übersetzerin und Dolmetscherin hatte ich zumindest beim Übersetzen das Gefühl, dass ich gut aufgestellt bin. Beim Dolmetschen sah es da anders aus. Das MA-Studium in Preston hat das geändert. Ich habe den Studiengang schon mal empfohlen und kann es nur wieder tun. Wer seine Zukunft im Dolmetschen sieht, ist hier bestens aufgehoben.

Was mir im Studium tatsächlich fehlte, war das “Drumherum”.

Gerade weil sich viele Übersetzer und Dolmetscher früher oder später selbständig machen, hätte ich mir in den drei Ausbildungsjahren an der Fachakademie mehr Infos zum Dasein in der Selbständigkeit gewünscht. In einer dreijährigen Ausbildung sollte es meines Erachtens durchaus möglich sein, solche Themen unterzubringen, vielleicht auch in Form von Zusatzinhalten. Ein paar Zusatzstunden am Nachmittag, zwei oder drei “Projekttage”, an denen man seine hypothetische Selbständigkeit plant und lernt, was es zu bedenken gilt. Da kann man natürlich nicht alles abdecken, aber doch deutlich mehr als das, mit dem ich einst in die Selbständigkeit startete – jedenfalls in Sachen Selbständigkeit und Unternehmertum.

In der Selbständigkeit ist stets Eigeninitiative gefragt. Man muss Entscheidungen treffen, die richtig oder falsch sein können. Man muss auch zwangsläufig seine Erfahrungen machen. Gelegentlich hatte ich allerdings das Gefühl, dass ich Entscheidungen nicht anhand eines Fundaments treffen konnte, das man mir in der Ausbildung mitgab. Ja, ich konnte Texte übersetzen. Ich konnte diese bis zur letzten Silbe zerpflümeln und in der anderen Sprache wieder zusammensetzen.

  • Beim Umgang mit verschiedenen CAT-Tools zum Beispiel sah es aber düster aus. Welche Vorteile und Nachteile bietet das eine oder das andere CAT-Tool? Welches wird auf dem Markt am häufigsten verwendet? Brauche ich überhaupt eines, wenn ich in bestimmten Fachgebieten arbeite? Über Terminologiearbeit und einen zweistündigen Trados-Workshop kamen wir leider nie raus.
  • Wie gehe ich am besten vor, wenn ich mir ein neues Fachgebiet aneigne? Und ab wann zählt ein Fachgebiet als Fachgebiet? Wo gibt Bedarf? Welche Fachgebiete sind schon bestens bedient?
  • Welche Aufgaben kommen auf einen Übersetzer/Dolmetscher abseits der Hauptaufgabe (dem Übersetzen/Dolmetschen) zu? Angefangen bei der Vermarktung über den Umgang mit Kundenfeedback bis hin zur E-Mail-Archivierung.

Zu meiner Zeit in Preston hatten wir coole Vorbereitungen auf Dolmetscheinsätze. In einem Assignment sollten wir uns beispielsweise darauf vorbereiten, als Dolmetscher zur Fußball-WM nach Brasilien zu reisen. Da mussten wir von der Abreise bei uns Zuhause über alle Eventualitäten vor Ort bis hin zur Rückreise alles durchdenken und durchplanen. Weshalb solche Projekte nicht schon im Grundstudium bzw. an der Fachakademie durchgeführt werden, um die Studenten auf den späteren Berufsalltag vorzubereiten, entzieht sich mir. Vielleicht hatte ich da aber auch nur Pech und da hat sich zwischenzeitlich einiges geändert.

Aber nun zu euch. Was hättet ihr gerne im Übersetzerstudium gelernt? Was fehlte euch zum Berufseinstieg oder zu Beginn der Selbständigkeit? Ich bin gespannt auf eure Kommentare und vielleicht – hoffen darf man ja – fühlt sich ja der eine oder andere inspiriert, mit seinen Studenten genau solche Projekte in Angriff zu nehmen, um sie besser auf den Berufsalltag vorzubereiten.