“Ich hatte eine Offenbarung”, begann ein Beitrag in den sozialen Netzwerken, über den ich gestern stolperte. Eine Dame, die eine Fremdsprache fließend beherrscht, möchte nun also Übersetzerin werden. Grundkenntnisse im Übersetzen nicht vorhanden. Aber immerhin: In einem 40-stündigen Kurs möchte sie zur Übersetzerin fürs Fachgebiet Medizin werden.

Übersetzungfehler können kosten – schlimmstenfalls sogar Menschenleben

Ich weiß nicht, was mich mehr schockierte – der Beitrag selbst oder die Tatsache, dass viele besagte Dame dazu ermutigten, diese Idee in die Tat umzusetzen. Manch einer schlug ihr sogar vor, einen noch günstigeren Kurs zu suchen oder sich die Kenntnisse in Gratis-Kursen anzueignen. Zum Glück fand sich auch die eine oder andere vernünftige Stimme unter den Diskutierenden, die riet, erstmal eine fundierte Übersetzerausbildung zu machen und sich am besten auch ein anderes Fachgebiet zu suchen.

Weshalb mich die Idee der Thread-Erstellerin so entsetzte, muss ich hoffentlich nicht erklären. Andernfalls stelle man sich kurz mal vor, jemand schaut liebend gern Krankenhausserien und hat dann plötzlich die Eingebung: Hey, das könnte ich ja auch selber machen! Würdet ihr euch bei einer solchen Person unters Messer legen? Wenngleich das den meisten Menschen kaum bewusst ist, verhält es sich bei Übersetzungen genauso. Man stelle sich vor, was geschieht, wenn medizinische Apperaturen falsch beschriftet oder beschrieben sind, wenn Handbücher für Flugzeuge, Autos und Schiffe vor Übersetzungsfehlern strotzen und man vielleicht genau das Gegenteilige von dem bewirkt, das man ursprünglich bezwecken wollte. Im schlimmsten Fall, so muss man sich vor Augen führen, hängen Menschenleben davon ab, dass man sein Handwerk beherrscht.

Übersetzer werden – ein Vorsatz fürs neue Jahr!

Dieser eine einzige Beitrag ist noch kein Problem. Er lädt vielleicht zum Kopfschütteln ein, aber er ist noch kein Problem. Jedoch ist er Teil eines größeren Problems. Und die Corona-Pandemie verstärkt dieses Problem.

Jedes Jahr um den Jahreswechsel beobachte ich, wie sie aufploppen. Wünsche, wie der oben genannte: “Im nächsten / In diesem Jahr möchte ich mich endlich umorientieren und etwas machen, das mir Spaß macht: Übersetzen.” Oder: “Ich kann ganz gut Englisch. Wie finde ich Kunden für Übersetzungsaufträge?”

Und es funktioniert auch umgekehrt. Zur selben Zeit tauchen Anzeigen auf, in denen groß damit geworben wird, dass das neue Jahr voller Chancen steckt, wenn man sich jetzt dazu entscheidet, Übersetzer zu werden.

In mir lösen diese Anfragen und Anzeigen, vor allem dann, wenn sie gebündelt in Erscheinung treten, den Drang aus, mir immer wieder mit der Hand vor die Stirn zu schlagen.

Die Corona-Pandemie ist der neue Jahreswechsel

Es scheint so naheliegend zu sein: Bequem und von zuhause aus möchte man noch ein paar Kröten dazuverdienen. Mindestens eine Fremdsprache kann man ganz gut. Wieso das also nicht nutzen? Es ist doch so einfach, immerhin steht ja schon alles da; es muss nur noch in die andere Sprache rüber – also fast wie abtippen. Dafür auch noch bezahlt werden. Geil!

Nun, da die Corona-Pandemie viele in Panik versetzt und auch arbeitslos macht (oder zumindest mit der Angst vor der Arbeitslosigkeit droht), erleben wir einen weiteren Jahreswechsel. Wenn schon zuhause sitzen, dann eben nebenbei ein wenig schnelles Geld machen. Übersetzungsaufträge gibt es ja in Massen; überall tragen einem Agenturen und Plattformen diese schließlich nach. Vermeintlich.

In den vergangenen Wochen und Monaten wurden verschiedene Netzwerke – wie sonst zum Jahrewechsel – mit Anfragen von Personen überschwemmt, die ihre ersten Übersetzungsaufträge suchen, aber nie zuvor übersetzt haben.

Personen, die eine Fremdsprache vielleicht wirklich gut beherrschen, aber …

  • … nie gelernt haben, was beim Übertragen von einer Sprache in die andere wichtig ist.
  • … nie gelernt haben, was es mit Begriffen wie Lokalisierung und Transcreation auf sich hat.
  • … sich wahrscheinlich nie in beiden Sprachen in die entsprechende Fachterminologie eingearbeitet haben.
Auch vielen Übersetzern ist in der Corona-Pandemie der Markt eingebrochen

Auch vielen Übersetzern ist in der Corona-Pandemie der Markt eingebrochen

Wie solche Offenbarungen den Markt und einzelne Personen ruinieren

Zunächst muss gesagt werden, dass der Übersetzungsmarkt nicht das “Land” ist, in dem Milch und Honig in Strömen fließen. Ja, es gibt sehr gut bezahlte Aufträge – aber, um diese zu erhalten, muss man auch entsprechend etwas vorweisen können. Hinzu kommt, dass auch diese Branche schwer von der Pandemie in Mitleidenschaft gezogen wurde, abhängig von der eigenen Spezialisierung der einzelnen Übersetzer.

Viele Aufträge auf dem Übersetzungsmarkt spielen sich hingegen leider ohnehin im Billigsektor ab. Agenturen aus aller Welt locken mit Versprechungen – auch oder vor allem für Neulinge auf dem Übersetzungsmarkt. Schon vor Corona wurde die Situation auf dem Markt immer prekärer. Gerade, weil das Übersetzen ein so internationales Feld ist, ziehen in Deutschland ansässige Übersetzer oftmals den Kürzeren. Während sich Übersetzer aus manchen Ländern über 3 Cent pro Wort freuen, fragt sich der Übersetzer hierzulande, wie er von 8 Cent pro Wort überleben soll.

Wer nach dem Motto “Ich hab da jetzt Bock drauf, also mach ich das mal” in den Übersetzermarkt einsteigt, prescht also blindlings auf schwer zu navigierendes Terrain vor – und bringt dabei sich selbst und den Markt in eine schwierige Position. Am Ende zahlen alle drauf: Übersetzer, Möchtegern-Übersetzer und Kunden.

Konsequenzen für etablierte Übersetzer (und sich neu erfindende Quereinsteiger!)

  • Preise werden untergraben: “Ich hab ja keine Ausbildung, also kann ich nicht so viel verlangen.”
  • Angehende “Übersetzer” können Aufträge nicht einschätzen – Umfang, Preis, Schwierigkeitsgrad, etc. Dadurch kommt es auch auf Seiten der Auftraggeber zu immer utopischeren Deadlines.
  • Schlechte Übersetzungen lassen bei Auftraggebern die Frage aufkommen, weshalb sie für eine solche Qualität zahlen sollten. Das können Maschinen doch mindestens genauso gut und dann auch noch gratis! Ein Gedanke, der den ganzen Markt ins Wanken geraten lässt.
  • Es nährt den Gedanken: Übersetzen kann ja jeder, ist total easy! Wieso also angemessen Geld dafür ausgeben?
  • Übersetzer – egal, wie qualifiziert – verlieren ihre Aufträge: “Es gibt ja immer einen, der es billiger macht! Qualität? Ach, so schlimm kann der Unterschied ja nicht sein!”

Kurz zusammengefasst: Am Ende leiden alle Parteien.

  • Die “Übersetzer durch Offenbarung” werden ihrer Aufträge nicht mehr Herr, sei es, weil die Deadlines nicht mehr zu meistern sind und Massen übersetzt werden müssen, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Sei es, weil sie feststellen, dass ihnen die Kenntnis fehlt und ihnen die Übersetzungen über den Kopf hinauswachsen. Oder sei es, weil der Kunde Dinge beschwert, bei denen er im Recht ist, der Übersetzer aber keine Ahnung davon hat, wie er dies “repariert”.
  • Die Übersetzer leiden unter diesen unerfahrenen Kollegen, weil sie ihnen die Preise und den Ruf ruinieren (siehe Aufzählung).
  • Und am Ende leidet auch der Kunde. Weil die Qualität nicht stimmt. Weil sich wiederum seine Kunden über die Qualität der Übersetzungen beschweren. Weil er Geld für etwas zahlt, was er am Ende nicht erhält, einen qualitativ hochwertigen und mit Fachkenntnis übersetzten Text, der ihn voranbringt.
Viele Stufen führen zum Übersetzen - aber auch viele Wege

Viele Stufen führen zum Übersetzen – aber auch viele Wege

Quereinsteiger willkommen!

Dieser Beitrag wird einigen sauer aufstoßen. Daran bin ich gewohnt. In der Vergangenheit habe ich mehrfach Anfragen von Personen erhalten, die sich von mir Tipps wünschten, wie sie ins Übersetzen einsteigen könnten. Sie würden die englische Sprache fließend beherrschen und hätten insgesamt “großes Talent” für Sprachen – und natürlich auch viel Spaß daran.

Ehrlich währt am … äh … – ups, abgesägt! Ich sagte ihnen, was sie tun könnten, um Übersetzer zu werden, riet ihnen zu entsprechendem Studium oder zu entsprechender Ausbildung, zu Kursen und mehr, immer abhängig von der jeweiligen Situation. Ich stellte ganze Paletten an Informationen und Links zusammen. Ich sagte auch denen, die in zwei Zeilen Social-Media-Beitrag fünf Grammatikfehler hatten, dass ich da kaum eine Chance für einen Einstieg ins Übersetzen sehe. Am Ende durfte ich mir Vorwürfe anhören, dass ich ihre Träume zerstört hätte. Sie wollten doch einfach nur übersetzen und das so schnell wie möglich. Andere sagten: “Achso, ne, so aufwendig will ich das nicht machen.” Der Kontakt brach in allen Fällen – nicht von meiner Seite aus – ab. Danke auch!

Doch der Abschnitt läuft nicht umsonst unter dem Motto “Quereinsteiger willkommen”, denn Quereinsteiger sind auch beim Übersetzen willkommen. Wer quer einsteigen möchte, muss dafür auch arbeiten. Es ist harte Arbeit. Es sind Kurse und Anleitung nötig. Wer übersetzen möchte, muss nicht nur seine Muttersprache und eine Fremdsprache perfekt können. Er muss beide auf einem völlig neuen Niveau kennenlernen und wissen, wie sie hin- und herübertragen werden, damit beim Zieltextleser dieselben Infos ankommen und Gefühle geweckt werden wie beim Leser des Ausgangstextes. Wer sich als Quersteiger auf das Übersetzen einlässt und vor allem die nötige Basis schafft, hat gute Karten. Wer nur schnell mal eine “Offenbarung” hat und sich locker flockig verdientes Geld erhofft, ist falsch. Aber das ist meist der Fall.