Am vergangenen Freitag gab es von mir keinen neuen Blogeintrag. Das hatte einen simplen Grund: Ich erhielt am Tag zuvor die Zusage für ein Projekt, dem ich mich in den kommenden sechs Wochen anschließen sollte. Im Prinzip sind es nur fünf Wochen. Dafür soll ich aber täglich mindestens eine Stunde länger arbeiten als zunächst vereinbart. Was das mit dem Thema meines heutigen Blogeintrags zu tun hat? Sehr viel.

Wie viele meiner Kollegen erhalte auch ich regelmäßig Anfragen, in denen steht: “Ich brauche dieses Dokument übersetzt. Machen Sie das?”

“Machen Sie mal…”

Dieser Anfrage liegt ein Scan des Dokuments bei. Das ist schon mal gut. So kann ich mir anschauen, wie das Dokument aussieht, wie groß der Umfang der Layout-Arbeiten sein wird und ob der Auftrag überhaupt in meinen Bereich fällt. Auch die Wortzahl kann ich daraus natürlich schon ableiten und einen Preis kalkulieren. Dennoch fehlen mir einige Informationen und ich muss Fragen stellen. Nicht, weil ich meinen potenziellen Kunden damit nerven möchte. Nein. Sondern, dass ich überhaupt arbeiten kann.

  • Bis wann benötigen Sie das. Ich kann Ihnen die Übersetzung bei meinen derzeitigen Kapazitäten bis zum XX. XXXX anbieten. Reicht das?
  • Für wen ist das Dokument bestimmt?
  • Muss es beglaubigt werden?
  • Und ich gehe davon aus, dass Sie die Übersetzung vom Englischen ins Deutsche benötigen?

Ja, die letzte Frage ist kein Witz. Ich wurde schon um alle möglichen Sprachkombinationen gebeten. Addiere ich all diese zieht Englisch – Deutsch den Kürzeren. Deshalb frage ich auch das nach, sollte die Information nicht eindeutig aus der Anfrage hervorgehen.

Nichtssagende Aufträge und Ausschreibungen

Es kommt immer wieder mal vor, dass ich angefragt werde, ob ich einen Auftrag übernehmen kann. Trotzdem fehlen in der Anfrage wichtige Informationen. Auch Ausschreibungen auf Portalen sind oft äußerst unvollständig:

“Benötige Redakteur für mehrere Themen.”

“Suche Texter für ca. 10.000 Wörter.”

“Brauche Übersetzer für mein E-Book.”

Diese freierfundenen, aber von der Realität inspirierten Beispiele sind auch etwas verkürzt. Aber ihr stimmt mir wahrscheinlich zu, dass kein Profi, der etwas auf sich hält, damit etwas anfangen kann.

  • Es sollte eine Übereinstimmung mit den eigenen Fachgebieten geben: Um welche Themen geht es denn nun genau? Mit Aquaristik kann ich nun wirklich reichlich wenig anfangen.
  • Es gilt Kapazitäten zu planen: Die 10.000 Wörter bis wann? Und wie rechercheintensiv ist das Thema?
  • Auch beim E-Book gilt: Welche Themen? Welcher Umfang? Bis wann? Für wen? Wie intensiv sind die Recherchen? (Und natürlich: Welche Sprache?)

Je mehr Infos, desto schneller und präziser kann ich ein Angebot machen

Wenn ihr vielleicht noch nie etwas mit Übersetzungen zu tun hatten, dann vergesst ihr vielleicht, das eine oder andere zu erwähnen. Das ist okay. Auch wenn ihr noch nie zuvor einen Blogger beauftragt habt, wird euch etwas durchgehen. Das ist völlig verständlich und in Ordnung. Dafür bin ich ja da und ich weiß genau, welche Fragen ich stellen muss, dass am Ende alle glücklich sind.

Am Ende geht es aber nicht nur um Deadlines und Geld. Es geht auch um viele weitere Details, die mit der Bearbeitung des Auftrags einhergehen.

  • Es muss geklärt werden, für welches Zielpublikum ein Text gedacht ist – und dabei ist es völlig egal, ob es sich um eine Übersetzung oder um einen Blogeintrag handelt.
  • Es ist wichtig zu wissen, ob bestimmte SEO-Regeln befolgt werden sollen.
  • Auch ob das Unternehmen schon ein Glossar mit Fachbegriffen verwendet, die in der Übersetzung Anwendung finden sollen, ist keine Nebensächlichkeit.
  • Die Liste kann nach Belieben und abhängig vom Auftrag und Gebiet fortgesetzt werden.

Doch zurück zu dem Projekt, an dem ich beteiligt bin

Manch einer mag mir vorwerfen, mir zu viele Gedanken zu machen, wenn es um die Annahme eines Auftrags und dessen Bearbeitung geht. Aber würdet ihr einfach mit der Arbeit loslegen, ohne zu wissen, was ihr eigentlich tun müsst?

Stellt euch vor, ich entscheide mich einfach dazu, den Text aus dem Englischen ins Deutsche mit der Du-Form zu übersetzen. Bei einem Online-Shop, der Videospiel-Merchandise verkauft, läge ich mit der Vermutung zwar mit größter Wahrscheinlichkeit richtig, aber kann man es denn sicher wissen? Es gibt auch Online-Shops für Luxusmöbel, die inzwischen dazu übergegangen sind, ihre Kunden zu duzen und das liegt nun doch nicht ganz so nahe.

Deshalb ist für mich stets wichtig: Vorher abklären, was Sache ist! Aber das ist nur ein mickriges Beispiel, wenn man sich anschaut, in welch ein Chaos ich derzeit verwickelt werde.

Da meldet sich eine Agentur bei mir, um mir ein Projekt schmackhaft zu machen. Probearbeit – kein Problem in diesem Fall. Eine Woche später erhalte ich das grüne Licht. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon seit mehreren Stunden im Besitz sämtlicher Zugriffsrechte auf die Projektdateien, das Briefing und vielem mehr. Auf dem Kanal, auf dem kommuniziert wird, melde ich mich zu Wort und fange an. Scheint bei geschätzt fünfzig oder sechzig verschiedenen Übersetzern niemanden so wirklich zu interessieren. Ich mach einfach mal nach den Anweisungen, die ich erhalten habe. War ja klipp und klar formuliert. Die Aufzeichnung vom Team-Meeting hat die Einzelheiten nochmals bestätigt.  Also kein Problem. Ich habe ja alles.

Der Kunde offenbar nicht.

Kaum habe ich die ersten Aufgaben erfüllt, ändern sich die Voraussetzungen. Die Änderungen sind dramatisch und werden uns verkauft, als hätten sie immer so bestanden. Das Video beweist Gegenteiliges. Auf meine abgearbeiteten Aufgaben kann ich nicht länger zugreifen, die Änderungen also nicht einarbeiten. Für mich ein Drama, aber nicht zu ändern.

Bei den nächsten Aufgaben arbeite ich nach den neuen Anweisungen, beachte das Feedback des Kunden, das niemandem spezifisch, sondern eher allgemein über den Kommunikationskanal gegeben wird.

Erneut ändern sich die Anweisungen. Sind meine zuvor abgearbeiteten Aufgaben nun alle falsch? Wird mir das negativ ausgelegt? Ich erhalte keine Antwort.

Und wie funktioniert das nochmal mit der Rechnungsstellung, für die ich mir habe bei drei verschiedenen Systemen einen Account anlegen müssen? Zumindest daran scheint sich nach dem Stellen meiner “dummen Fragen” nichts mehr geändert zu haben.

Spannend wird somit nur noch, was der Endkunde der Agentur zu der Leistung sagt. Aber das werde ich vielleicht nie erfahren. Vermutlich will ich das auch gar nicht…