Mit meinen Kunden rede ich nicht über Politik. Das ist einer meiner Grundsätze. Auch für meinen Blog hatte ich mir dementsprechend vorgenommen, keine politischen Themen aufzugreifen.

Leider zwingen mich diese Zeiten dazu, diesen Grundsatz zu brechen. Ein klein wenig. Ihr seid vielleicht Kunde bei mir. Ihr seid es vielleicht künftig mal. Oder auch nicht. Jedenfalls sah ich mich dieser Tage mit der Entscheidung konfrontiert: Äußere ich mich zu diesem Thema oder nicht?

Wie die Existenz dieses Blogposts belegt: Ich entscheide mich dafür.

Ich kann nicht länger schweigen. Ich bin Solo-Selbständige. In den vergangenen Jahren baute ich meine kleine Existenz nach und nach auf. Dieses Jahr hätte erneut besser werden sollen als das vergangene. Auch ich hätte bis vor wenigen Monaten nicht damit gerechnet, dass ich wenig später schlaflose Nächte zubringe. Dass ich Kieferschmerzen habe, weil ich vor Anspannung die Zähne aufeinanderbeiße. Dass ich mich mehrmals am Tag frage: Kommen weiter Aufträge rein?

Ich bin solo-selbständig. Ich liefere Übersetzungen und Texte aus, pflege News in CMS ein und berate meine Kunden, wenn sie nicht wissen, wie sie einen Auftrag geschickt anpacken sollen.

Ich hatte mich von der Uni weg selbständig gemacht. Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen. Damals hatte ich nicht viele Optionen. Die Selbständigkeit war eine davon. Es funktionierte. Jedes Jahr lief es besser. Jedes Jahr war die Nachfrage nach meinen Dienstleistungen größer. Ich schien etwas richtig gemacht zu haben. Wie viele andere auch.

Und wie viele andere auch, lernte ich schnell: Rücklagen bilden? Von was denn?

Ich habe Rücklagen. Wie lange ich damit überdauern kann, möchte ich nicht unbedingt austesten. Aber ich werde es vielleicht müssen, denn der Staat hilft mir nicht.

Wenn mir etwas das Genick brechen wird, dann sind es die Kosten für die Krankenkasse.

Zu meinem unternehmerischen Genickbruch werden auch die Beiträge in die Rentenversicherung beitragen. Als Selbständige müsste ich nicht zwangsläufig in die Rentenversicherung zahlen. Wollte ich auch nicht. Ich wollte privat vorsorgen. Beides kann ich mir nicht leisten.

Weil meine Tätigkeit als “künstlerisch” eingestuft wird, wurde ich über die Künstlersozialkasse (KSK) in der Rentenversicherung zwangsversichert. Jeden Monat kostet mich das eine Stange Geld, den Arbeitgeberanteil übernimmt die KSK. Den Arbeitgeberanteil zur Krankenversicherung zahlt mir die KSK aber nicht – ich habe schließlich auch Einkünfte aus nicht künstlerischer Tätigkeit. Ich verstehe die Logik hinter dieser Begründung bis heute nicht. Andere, denen es genauso geht, verstehen sie auch nicht.

Das System dreht und wendet die Dinge, wie es von Nöten ist. So, dass am Ende möglichst viel Geld beim Staat hängen bleibt. Sehr viel Geld.

Die Kosten für die Sozialabgaben stellen eine immense Belastung dar. Und sie werden nicht von den Corona-Hilfen abgedeckt.

Corona-Hilfen: Die habe ich nicht beantragt.

Ich hatte mir die Corona-Hilfen angesehen. Sie helfen nicht. Oft nicht, jedenfalls. Meine Einbußen durch Corona sind aktuell noch gering. Das ändert sich wahrscheinlich in Kürze. Aufträge kommen und gehen. Aktuell gehen sie eher.

Das meiste ist Alltag: Langfristige Verpflichtungen laufen aus. Projekte sind abgeschlossen. Das Übliche. Die wenigsten Projekte, die bei mir derzeit das Haus verlassen, tun dies aufgrund von Corona. Da hatte ich Glück.

Aber ich qualifizierte mich deshalb nicht für die Corona-Hilfen.

Wie es um neue Aufträge bestellt ist? Viele Kunden zögern (verständlicherweise), potenzielle Auftraggeber schreiben nicht aus (verständlicherweise). Das ist Corona geschuldet. Sie wissen selber nicht, wie es weitergeht. Es werden Kapazitäten zurückgefahren. An externen Dienstleistern wird oft als erstes gespart. Das ist jedenfalls meine Erfahrung.

Viele Aufträge, die auf Online-Plattformen derzeit ausgeschrieben werden, reichen nicht zum Überleben: 1-2 Cent pro Wort. Manchmal drunter. Neulich sollte ich Newsartikel verfassen. Für 2,40 Euro pro Meldung. Ich habe abgelehnt. Eine Agentur aus Thailand bat mich darum, einen niedrigeren Wortpreis anzusetzen. Ich habe abgelehnt. Um den Markt nicht weiter auszuhöhlen. Um von meiner Arbeit leben zu können. Auch langfristig. Jemand anders wird diese Aufträge annehmen. Dessen bin ich mir sicher. Leider.

Wer hilft den kleinen Selbständigen / Unternehmen jetzt? Jetzt, da die Corona-Hilfen nach und nach eingestellt werden, Fristen ablaufen. Grundsicherung steht weder so unbürokratisch zur Verfügung, wie es versprochen wurde, noch kann Grundsicherung die Lösung für dieses Problem sein.

Das Leben geht noch lange nicht wie gewohnt weiter. Die Leute kaufen nicht, weil sie selbst Kurzarbeitergeld bekommen, ihren Job verloren haben oder ihr eigenes Unternehmen schließen mussten. Wer hilft über diese Flaute hinweg?

Corona-Hilfen. Es klingt so einfach.

Natürlich müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, um Corona-Hilfen beantragen zu können. Bei wem der Laden weiterbrummt, dem muss man wohl nicht helfen.

Doch viele, die Hilfe benötigen, trau(t)en sich nicht, sie zu beantragen. Viele schilderten in Selbständigen-Gruppen, dass sie kaum Betriebsausgaben hätten, aber ausschließlich für diese durfte das Geld aus den Corona-Hilfen genutzt werden. Krankenkasse, Rentenversicherung und Co. davon bezahlen? Oder gar die Miete? Fehlanzeige. Doch gerade das sind die größten Belastungen für viele Selbständige. Der Grund für schlaflose Nächte und fortwährende Gedankenkarussells.

Ich sehe mich in meiner Existenz bedroht. Ich sehe viele Selbständige und kleine Unternehmen in ihrer Existenz bedroht. Dabei liefern diese gerade die Abwechslung, die der Welt, der Menschheit, dem System so gut tut. Eine Vielfalt, die das Leben lebenswert macht.

Aber diese Vielfalt stirbt.

Weil Corona-Hilfen nicht ankommen. Weil Corona-Hilfen zu kurz gefasst werden und enden, ehe die Krise für viele erst richtig beginnt. Weil lieber über Kaufprämien für die Autoindustrie diskutiert wird.

Versteht mich nicht falsch: Auch der Autoindustrie muss geholfen werden. Zu viele Arbeitsplätze – auch in kleinen Unternehmen – hängen an dieser.

Aber müssen es gerade (wieder) Kaufprämien sein? Und dann auch noch – wie derzeit diskutiert wird – ausschließlich oder zumindest in stärkerem Umfang für E-Autos?

E-Autos, deren bessere Umweltverträglichkeit bis heute nicht einwandfrei belegt ist. E-Autos, deren Anschaffung sich viele schon vor der Corona-Krise nicht hätten leisten können oder wollen?

Stellen Kaufprämien für (E-)Autos nicht die falsche Strategie dar? In einer Zeit, in der man ganze Branchen vor die Hunde gehen lässt? Branchen, die eigentlich die kostspieligen (E-)Autos kaufen sollen, damit die Autoindustrie überleben kann? Von welchem Geld sollen die Menschen in diesen Branchen das tun, wenn sie nicht wissen, ob sie morgen überhaupt noch etwas Essbares auf dem Tisch haben werden? Da ist ein (E-)Auto natürlich die naheliegendste Kaufentscheidung. (Der letzte Satz ist Ironie, nur um das klarzustellen.)

Die Corona-Politik bringt uns um.

Weiterhin werden Dinge diskutiert und entschieden, die zum Sterben der vielen kleinen Unternehmen beitragen werden. Die Situation der Selbständigen verschärft sich auch ohne Corona zunehmend, durch eine nahende Altersvorsorgepflicht, hohe Krankenkassenbeiträge, Prüfungen und mehr. Corona gibt ihnen den Rest. Der Verband der Gründer und Selbständigen Deutschland e.V. kann das viel besser zusammenfassen, als ich – und ist noch deutlich näher am Thema.

Deshalb verlinke ich an dieser Stelle auf die Website des Verbandes und bitte darum, das Anliegen des Verbandes und der Beteiligten ernst zu nehmen.

Womöglich findet der eine oder andere von euch ja auch den Mut und die Zeit, sich mit der durch den VGSD und den 25 Berufsverbänden der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbstständigenverbände (BAGSV)  gestarteten Petition auseinanderzusetzen und diese zu unterzeichnen.

Wie gut die Chancen stehen, dass diese Petition von Erfolg gekrönt sein wird, vermag ich nicht einzuschätzen. Aber ich hoffe, dass sich etwas bewegt. Denn was hilft es, nur die großen Unternehmen zu retten, deren Produkte am Ende keiner mehr kaufen kann? Was hilft es, nur die großen Unternehmen zu retten, wenn auch die kleinen ihren (erheblichen) Beitrag zu den Steuereinnahmen, den Krankenkassen und der Rentenversicherung leisten? Was hilft es, die Vielfalt sterben zu lassen, wenn es doch gerade die Vielfalt ist, die das Leben ausmacht?